Mercedes-Benz 300 SL

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Zeitmaschine.

Überraschend satt schnappt die Flügeltür ins Schloss und plötzlich ist es ganz still in der Kabine. Der Blick schweift über ein Meer aus Chrom, angejahrtem Leder und viel weißem Bakelit. Man sollte sich jedoch von diesem mondänen Ambiente nicht täuschen lassen.

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Denn schon beim Start entgleitet der Flügel das erste Mal.

Feuchte Straße, ein wenig zu viel Gas beim Einkuppeln und schon tanzt das sanft geschwungene Heck grob aus der Reihe. Super, das kann heiter werden! Denn es ist nicht so, als ob wir nur zum Lustwandeln in den Flügel gestiegen sind, nein, die kommende Woche werden wir einander nicht von der Seite weichen und gemeinsam einmal quer durch das Land fahren.

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Während der Motor langsam auf Temperatur kommt hat auch die Sonne wieder Kraft gefunden und die Straßen abgetrocknet. Das erste Mal geben wir ein wenig mehr Gas: Sofort springt der SL nach vorne, begleitet vom rotzigen Klang, wie ihn nur ein böser Reihensechser hinbringt. Bei 4000 Touren im Zweiten ist man schon viel zu schnell für die Stadt, weshalb wir es dabei bewenden lassen und auf erster Stelle an der Ampel bereits ungläubige Blicke und hochgereckte Daumen ernten.

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Innerorts bist Du König. Auch nach 60 Jahren.

Aber wir sind ja nicht zur innerörtlichen Show hier, sondern zum Fahren. Weit fahren. Auf die leere Autobahn also und: Feuer frei. Heiser fräst sich der Dreiliter der 6000er Marke entgegen, schnell wird die Vierte eingelegt und die Drosselklappe wieder voll geöffnet. Der Tacho wischt das erste Mal über die 200er-Marke und so richtig glauben kann man das alles nicht. Vortrieb und Klang sind derartig ergreifend, dass man sich fragt, was moderne Sportwagen eigentlich besser können?

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Hochgeschwindigkeit im 300SL. Ergreifend.

Kurven fahren zum Beispiel. Denn euphorisiert von Geräusch und Geschwindigkeit erwacht ganz schnell das Kind im Manne. Und das will spielen. Mit großen A8 TDIs, tiefen Golf GTIs und zügig bewegten 3er BMWs. Auf der Geraden bleibt man locker dran, die 240 am Benz-Tacho sind dann aber so etwas wie die freiwillige Selbstbeschränkung, will man der alten Maschine doch nicht zu viel abverlangen. Die Kurve muss es also richten. Doch dort hat das Kind nur wenig verloren, denn einen 300er Flügel mit 200km/h in die engen Kurven der A3 von Frankfurt nach Köln zu werfen braucht vor allem eines: Eier!

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Wenn die Achse pendelt brauchst Selbstvertrauen.

Im Gegensatz zu den modernen Sportwagen unserer Zeit, die alle auf maßgeschneiderte und hochoptimierte Fahrwerke zurückgreifen, arbeitet unter der hinreißend schönen Flügel-Karosserie nämlich das Fahrwerk der 300a Limousine. Und das bedeutet: Pendelachse. Nicht umsonst trägt der 300 SL den Spitznamen „widow maker“, denn man muss schon wissen, was man an Lenkrad und Pedalen tut, wenn es schnell voran gehen und nicht schnell vorbei sein soll. Genug Gas beim Einlenken hilft immer. Zwar braucht der SL ein bis zwei Federamplituden, bis er sein Plätzchen in der Spur gefunden hat, danach kann aber wieder hemmungslos vollstreckt werden.

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Gleitsteinsperre. KLACK. Heck weg.

Abseits der Autobahn muss man den Fahrstil allerdings völlig umstellen. Keine lockere Hand am Lenkrad, kein Abwarten bis sich das Fahrwerk gesetzt hat, sondern blitzschnelle Reaktionen und heftige Korrekturen. Ursache dafür ist die im Differential montierte Gleitsteinsperre. Starken Gaseinsatz am Kurvenausgang beantwortet sie erst einmal mit einem durchdrehenden kurveninneren Rad, um dann – bei genügend Drehzahlunterschied und Fliehkraft – schlagartig mit voller Sperrwirkung einzurücken. Wer darauf nicht gefasst ist, der dreht sich, wer panisch aus dem Gas geht, verhungert am Kurvenausgang.

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Wer reitet so spät durch Nacht und Wind?

Wir müssen gestehen, dass wir schon eine gewissen Zeit der Eingewöhnung gebraucht haben, bis wir die Hinterhand im Griff hatten. Doch wenn es erstmal soweit ist, man den richtigen Gegenlenkwinkel schon beim schalten (KLACK!, du weißt…) der Sperre parat hat und man den Flügel dann mit lässig ausgestelltem Heck durch die Lande treibt, bleibt kein Auge trocken. Den meisten Spaß hatten aber nicht beim Querfahren, sondern mitten in der Nacht. Auf der Heimfahrt, bei kühlen Außentemperaturen und menschenleerer Autobahn.

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450km in 3 Stunden. Keine 30 Liter Verbrauch.

Denn da läuft er zu absoluter Hochform auf, muss sich nicht auf Ausstellungen angreifen, fotografieren und belehren lassen, was an ihm alles nicht mehr original sei. Hier kann er einfach fahren. Von Düsseldorf aus in 90 Minuten nach Frankfurt zum Beispiel. Dort fasst er an der Zapfsäule ein letztes Mal 130 Liter Kraftstoff nach, um sich auf die letzte Etappe der Heimreise zu begeben. Nach drei Stunden und fünfundzwanzig Minuten steht er knisternd am Ufer des Starnberger Sees. Der Tank wieder fast leer, das T-Shirt nassgeschwitzt und doch hat man das Gefühl, dass der Flügel die Strecke gleich noch einmal fahren könnte. Ganz im Gegensatz zu seinem Fahrer. Rennwagen bleibt eben Rennwagen.

Bilder: Andreas Wiezorek

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