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Renault Espace

Charakter

In Zeiten, in denen die Gewinnmaximierung immer mehr Autos gleich macht, fehlt es in der Auto-Industrie an Charakter-Darstellern. Es basiert immer mehr auf den immer gleichen Plattformen, das Design wird von Gesamt-Konzern-Vorgaben dominiert, der Unterscheidungsmerkmale werden immer weniger. Es ist ja unterdessen sogar so weit, dass sich die neuen Modelle kaum mehr von ihren Vorgängern unterscheiden lassen – es fehlt der Mut zur Veränderung, zum Bruch, der bestehende

Kunde ist König, er soll nicht verärgert sein, weil sein Auto plötzlich alt oder gar ganz anders aussieht. Und überhaupt, sagt man sich in noch so manchen Premium-Chefetagen, weshalb sollte man etwas ändern, wenn es ja bestens läuft?

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Wenn dann aber ein Hersteller es wagt, ausserhalb der gängigen Normen zu denken, beim Konzept so mutig zu sein wie beim Design, dann sind ihm schon einige Sympathien sicher – denn es wollen ja nicht alle das gleiche modulare Produkt fahren. Einverstanden, als Herausforderer muss man abseits der ausgetrampelten Wege fahren, sonst wird es doppelt schwer. Erstaunlich ist aber, dass es schon in der Vergangenheit oft die Franzosen waren, die sich tapfer gegen diesen «Mainstream» gewehrt haben, Citroën einst und auch heute wieder vermehrt, Renault immer wieder. Und jetzt sind es wieder die Franzosen vom ehemaligen Staatskonzern, die mit dem neuen Espace neue Wege beschreiten wollen.

Der Espace war eigentlich eine Erfindung von Matra.

Und hätte eigentlich ein Talbot werden sollen. Und später vielleicht ein Citroën. Doch weil sich der PSA-Konzern Anfang der 80er Jahre nicht in bester finanzieller Form präsentierte, kam dann Renault zum Handkuss – und hatte ab 1984 ein Fahrzeug im Angebot, das alle damals gängigen Rahmen sprengte.

Sieben Sitze, von denen sich fünf herausnehmen oder anders anordnen liessen, fast drei Kubikmeter Stauraum, ein Aufbau aus Polyester – der Mut von Renault machte den Espace zum grandiosen Erfolg. Zumindest die ersten drei Generationen; die Espace IV hatte es dann schwerer, die SUV setzten ihm zu, überhaupt ging es im Segment der Minivans nur noch bergab. Es ist deshalb verständlich, dass Renault nach neuen Lösungen sucht, etwas wagt – vielleicht wieder eine neue Nische erfinden will.

Es ist schwierig, den Espace einer Kategorie, einem genauen Segment zuschreiben zu wollen. Er ist mit 4,86 Meter Länge so lang wie eine E-Klasse von Mercedes, mit 1,89 Metern Breite so stämmig wie ein Ferrari California – und mit einer Höhe von 1,68 Metern Höhe im Bereich eines Geländewagens.

Im Vergleich zu seinem Vorgänger ist er zwar deutlich niedriger gebaut, er will auch nicht mehr mit einem extremen Ladevolumen brillieren (mit abgeklappten Sitzen sind es noch 2100 Liter, beim vergleichbaren Vorgänger mit langem Radstand waren es über 3000…) – und doch handelt es sich eindeutig um ein Raumschiff. Mit reichlich Platz für sieben Personen, mit sehr viel Wohlfühlraum – nicht nur die Passagiere in der ersten Reihe sitzen fürstlich, auch auf in der zweiten Reihe ist es richtig gut, angenehm, komfortabel, wie in einer stattlichen Limousine der Oberklasse. Ob die bisherigen Espace-Kunden allerdings von diesen neuen Qualitäten profitieren wollen, muss sich noch weisen – ein Kleintransporter, der gern auch vom Gewerbe und von Vertretern genutzt wurde, ist der neue Espace nicht mehr.

Beim Design sind die Franzosen ausgesprochen mutig: ein mit dem Espace vergleichbares Fahrzeug gibt es auf unseren Strassen sonst nicht. Ausser vielleicht: die einstigen Renault-Modelle Vel Satis und Avantime.

Denen aber in der Vergangenheit nicht durchschlagender Erfolg beschieden war. Beim Espace könnte sich das ändern, er ist ein Statement: ich bin anders, ich habe Charakter. Erfreulich ist, dass der Betrachter bei diesem Wagen immer wieder schöne Details und liebevolle Feinheiten entdeckt, je länger er den grossen Wagen betrachtet. Noch mehr loben kann man die Franzosen für das Innenleben, eine schön nach oben geschwungene Mittelkonsole und ein riesiger Touchscreen dominieren, Knöpfchen und Schalter hat es kaum mehr – da ist der Renault so modern wie nur wenige andere Fahrzeuge. Das Bediensystem allerdings, das erfordert schon etwas Zeit und die intensive Lektüre der Gebrauchsanweisung, sonst kann man all den Möglichkeiten des Franzosen nicht gerecht werden. Hat man aber seine Einstellungen einmal gefunden, ist alles gut.

Mutig ist Renault auch in Sachen Motorisierungen. 1,6 Tonnen wiegt der grosse Wagen, was ein guter Wert ist für seine ausladenden Aussenabmessungen. Aber ob die Kunden verstehen werden, dass solch ein Gefährt (vorerst) nur mit 1,6-Liter-Motoren gekauft werden kann, das dürfte gerade in der Schweiz eine offene Frage sein. Der starke Benziner schafft zwar 200 PS, der stärkere Diesel kommt auf 160 PS und ein maximales Drehmoment von 380 Nm, doch übermotorisiert ist man damit nicht. Andererseits: es reicht. Es ist auch gut so. Ein Sportwagen ist der Espace nicht, mehr der ruhige Gleiter, und dazu passen die verfügbaren Antriebe. Der Renault dankt es dann an der Tankstelle: zwar erreichte der Testwagen mit dem stärkeren Selbstzünder die Normvorgabe von 4,7 Litern bei weitem nicht, doch die 6,5 Liter im Schnitt sind trotzdem ein guter Wert.

Es ist ein angenehmes Fahren im Espace. Zu loben ist die vorbildliche Ruhe im Innenraum, auch vom Diesel hört man eigentlich nichts. Die Sitze sind mehr Fauteuils, ausgesprochen bequem, aber doch mit anständigem Seitenhalt. Man sitzt zwar hoch, was anscheinend geschätzt wird vom Publikum. Es gibt weiterhin Ablagen ohne Ende, das Raumgefühl ist traumhaft – das Fahrwerk den Ansprüchen an ein solches Fahrzeug mehr als nur entsprechend. Ja, es ist weich, viel weicher und viel komfortabler als bei anderen modernen Fahrzeugen, die ja alle nur noch sportlich sein wollen. Nach Hamburg will man fahren, oder besser in die Bretagne, die Welt erobern auf diesen ungewöhnlichen Reifen mit Ballon-Ausmassen. Die auch viel zum feinen Lebensgefühl «wie Gott in Frankreich» beitragen, das knüppelharte Abrollen der 21-Zöller, die ja gerade so in Mode sind, wird den Passagieren im Espace erspart. Ja, schön, dass es das noch gibt.

Den neuen Espace gibt es ab 37500 Franken (1,6-Liter-Diesel, 130 PS). Unser Testwagen kam in der luxuriösesten Form, genannt Initale, und mit allem, was es noch zusätzlich zu kaufen gibt, was zu einem Endpreis von 58600 Franken führte. Und trotzdem: der Preis erscheint fair. Auch deshalb, weil der Espace so wunderbar komfortabel ist sowie technologisch fortschrittlich (Vierrad-Lenkung, nur als Beispiel) – und viel Charakter hat. Was man nicht von vielen anderen Produkten behaupten kann.

Ein kleiner Streifzug durch die Espace-Geschichte im Video:

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